Wissenschaftlicher Diskurs in Newsgroups (speziell: de.sci.politologie und de.admin-Gruppen),

besonderes Augenmerk auf den Umgang mit Konflikten sowie Bezug zum Allmende-Problem

(O.G. Schwenk)

Spätestens seit Bumm-Bumm Boris ist allgemein bekannt, wie einfach es, ist “drin” zu sein. Die Flutwelle neuer Nutzer birgt vielfältige Chancen, gleichzeitig aber auch einige Risiken. Der Text grenzt das Thema ein auf (1) wissenschaftliche Diskussionen, die (2) im Usenet stattfinden. Und weiter, (3) auf das Phänomen der “Allmende”

1 Allmende
Gemeinhin bezeichnet “Allmende” ein kollektives Gut. Dessen individuelle Nutzung und die damit verbundenen Komplikationen bilden eine der ältesten Fragen in der Soziologie überhaupt.

1.1 Allgemeine Skizze
Lehrbuchbeispiel für “Allmende” ist die Viehweide eines Dorfes. Jeder Dorfbewohner hütet sein Vieh auf eigenem Grund. Daneben steht die Dorfweide für alle zur Verfügung.

1.2 Individuelle Logik als kollektives Problem
Die Problematik ist offensichtlich: Für jeden einzelnen Dorfbewohner scheint es sinnvoll, verstärkt die – kostenlose – Dorfweide zu nutzen und die eigenen Ressourcen zu schonen bzw. die Herdengröße über die eigenen Möglichkeiten hinaus zu vergrößern. Diese individuelle Kalkulation führt quasi automatisch früher oder später zu einer Überweidung der Dorfwiese. Das kollektive Gut ist zerstört. Dieser Schaden fällt auf die einzelnen Individuen zurück. Kurzfristiger individueller Nutzen einiger Akteure mündet so in langfristigen Schaden aller am kollektiven Gut Beteiligter.

1.3 Kosten/Nutzenrelationen bei der Lösung der Allmende-Problematik
Die Lösung der eben skizzierten Problematik kann vor allem über zwei Wege versucht werden: Normativ über (moralische) Appelle. Restriktiv über (konkrete) Kontrolle. Appelle, die das Norm- oder Wertsystem ansprechen, haben allerdings ihrerseits einen spezifischen Nachteil: Sie wirken am ehesten in überschaubaren Gruppen mit relativ starkem Gemeinschaftsgefühl. Umgekehrt ist aber das Allmende-Problem letztlich ein Phänomen großer bzw. wachsender Gruppen. Erfolgversprechender scheint also die direkte Kontrolle. Am Beispiel der Weide heißt das, sie müßte umzäunt werden und zusätzlich würde ein Hirte die Einhaltung bestimmter Kontingente überwachen. Es liegt allerdings auf der Hand, dass dies ein oftmals selbstzerstörerisches Vorgehen sein würde: Die Überwachungsmaßnahmen verursachen konkrete und fortlaufende Kosten, die den Ertrag des kollektiven Gutes schnell übersteigen.

Zusammenfassend läßt sich also die unerfreuliche Bilanz ziehen, dass kollektive Güter mit steigender Gruppengröße sehr wahrscheinlich beeinträchtigt oder zerstört werden. Variabel ist dabei nur, ob es durch die individuelle Nutzung geschieht oder durch kollektive Versuche den Zerfall zu verhindern.

2 Praktische Beispiele aus dem Usenet
Das Beispiel der Dorfweide läßt sich sehr einfach auf die Situation im Netz übertragen: Netzdienste – hier konkret das Usenet bzw. eine bestimmte Newsgroup – stellen kollektive Güter dar, von deren Nutzung alle Beteiligten profitieren. Mit steigender Nutzerzahl wächst allerdings die Gefahr, dass individuelle Nutzenkalkulationen zu Verhaltensweisen im Usenet führen, die langfristig die Verwendung des Dienstes deutlich erschweren oder gar unmöglich machen. Für den Aspekt der wissenschaftlichen Diskussion innerhalb einer Newsgroup heißt dies schlicht, dass eine solche kaum fruchtbar sein kann, wenn sich eine größere Zahl von Personen nicht an bestimmte Standards hält. Einerseits ist es banal, dass wissenschaftliche Diskurse beispielsweise sachlich zu führen sind, dass eine thematische Diskussion bei dem gewählten Thema bleiben sollte und ähnliches mehr. Selbstverständlich scheint dies allerdings – mit Blick auf einige Diskussionen im Usenet – nicht zu sein.

2.1 de.admin.news.*
Sinn und Zweck der Hierarchie de.admin.news.* ist die Diskussion um die Einrichtung neuer Gruppen, die Angemessenheit bzw. Vollständigkeit des Regelwerkes und ähnliches mehr. Hier finden sich vor allem “Regulars”, also Personen, die relativ viel Zeit für das Usenet aufwenden und zwar teilweise schon mehrere Jahre. Bei einem derart großem Engagement entwickeln sich im Laufe der Zeit natürlich auch persönliche Freund- und Feindschaften. Dass dies einer sachlichen Diskussion nicht immer förderlich ist, ebenfalls ...

2.2 de.sci.politologie
Die Newsgroup de.sci.politologie dient dem deutschsprachigen wissenschaftlichen Austausch zum Thema “Politik”. Ungeachtet des wissenschaftlichen Anspruches, steht die Gruppe aber – wie fast alle Gruppen – jedem Interessierten offen. Exemplarisch gezeigt werden wird hier der erfolgreiche Versuch, Störungen einer einzelnen Person durch kollektives Verhalten zu verhindern.

3 Schlußfolgerungen zu den Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Diskussionen in Newsgroups

  

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last update: 20.10.2000