Index

1 Einleitung
2 Theoretischer Teil
3 Empirischer Teil
3.1 Methodische Aspekte
3.1.1 Umfrageform
3.1.2 Design der Studie
3.1.3 Stichprobe und Rücklauf
3.1.4 Güte der Aussagen und Repräsentativität
3.2 Ergebnisse der Befragung
3.2.1 Fragen zur persönlichen Situation
3.2.2 Fragen zur Kinderbetreuung
3.2.3 Fragen zur Berufs-, Arbeits- und Ausbildungssituation
4 Resumee
5 Literatur
6 Verzeichnis der Abbildungen
7 Anhang
AutorInnen


1 Einleitung

Der vorliegende Projektbericht basiert auf der Befragung von knapp 1.300 Frauen aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis, die im Frühjahr 1996 von der Arbeitsgemeinschaft der Frauenverbände zum Thema "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" durchgeführt wurde.

Er ist unterteilt in einen theoretischen Teil, der die Vorüberlegungen zur Thematik und den Stand der wissenschaftlichen Diskussion beschreibt. Danach folgt der empirische Teil, in dem zunächst die Durchführung der Befragung und der Aufbau des Fragebogens dargestellt werden. Im Anschluß daran erfolgt ein Ergebnisbericht, der in eine kurze kritische Reflexion einmündet. Eine Auswahl der wichtigsten Häufigkeitsverteilungen schließlich findet sich im Anhang.


2 Theoretischer Teil

Seit die außerhäusliche Erwerbstätigkeit von Frauen ein gesellschaftlich relevantes Maß erreicht hat, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Gegenstand arbeitsmarkt-, familien- und bevölkerungspolitischer Überlegungen. Das durch die Industrialisierung hervorgebrachte gesellschaftliche Strukturproblem der Trennung von Familie und Arbeitswelt wurde und wird in diesen Diskussionen fast ausschließlich der Erwerbstätigkeit von verheirateten Frauen und Müttern angelastet und somit auf ein "Frauenproblem" verengt. Ohne die mit der industriellen Produktionsweise auch im familialen Bereich einsetzenden Veränderungen zu berücksichtigen, wird die prinzipielle und alleinige Zuständigkeit von Frauen für Haushalt und Kindererziehung als naturgegeben unterstellt, und es geht infolgedessen häufig darum, die Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit der Frauen- bzw. Müttererwerbstätigkeit mit der weiblichen Familienrolle zu untersuchen und aufzuzeigen.

In den letzten Jahrzehnten zeichnen sich in allen fortgeschrittenen Industriegesellschaften Entwicklungen ab, die die Notwendigkeit einer gleichberechtigten, dauerhaften Integration von Frauen ins Erwerbsleben unter gleichzeitiger Veränderung der innerfamilialen Rollenverteilung unterstreichen.

Mit dem Übergreifen des Individualisierungsprozesses auf den weiblichen Lebenslauf Mitte der 60er Jahre haben die traditionellen Geschlechtsrollen an Geltung und Überzeugungskraft verloren. Noch bis in die 60er Jahre hinein waren die Lebensentwürfe junger Frauen stark familienorientiert. Verheiratete Frauen waren in der Regel nur im Notfall, wenn das Geld nicht ausreichte, erwerbstätig. Die Erwerbsquote der verheirateten Frauen stieg jedoch in der Zeit von 1961 bis 1992 deutlich von 33% auf 55% an (Schwarz 1993-1994). Die eigene Berufstätigkeit ist zunehmend auch zum festen Bestandteil der Lebensplanung von Mädchen und Frauen geworden.

Heutzutage sind die Gründe für eine Berufstätigkeit der Frau vielschichtiger, und es gibt keine einheitliche Motivlage mehr. Selbstverständlich ist die ökonomische Notwendigkeit zur Arbeit weiterhin ein gewichtiger Grund für die Ausübung einer Berufstätigkeit, darüber hinaus ist jedoch die Gruppe der Frauen und Mütter gewachsen, die arbeiten, weil sie sich mit ihrem Beruf identifizieren oder weil sie durch ihn Anschluß an das öffentliche, gesellschaftliche Leben finden.

Der Wandel des weiblichen Lebenszusammenhanges läßt sich mit Elisabeth Beck-Gernsheim (1984: 35) auf die Formel "vom Dasein für andere" zum "Anspruch auf ein Stück eigenes Leben" bringen.

Die innerfamiliale Arbeitsteilung mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Familienmutter und Hausfrau wird häufig als Kooperationsvertrag dargestellt, in dem beide Partner Rechte und Pflichten haben. Die prinzipiell unterstellte Gleichheit dieser Aufgabenverteilung ist jedoch nur scheinbar vorhanden. Die Berufstätigkeit der Frau bedingt somit sowohl durch das Erleben außerhäuslicher Erfahrungswelten eine Erweiterung des eigenen Handlungs- und Kompetenzspielraumes wie auch über das verdiente "Geld ... [als] `objektiver Indikator´ für die Wichtigkeit eigenen Tuns" (Beck-Gernsheim 1984: 48) eine Veränderung der Stellung der (Ehe)partner zueinander.

Darüber hinaus vermittelt die Erwerbsarbeit den Frauen etwas, das ihnen die Familie vorenthält: Gesellschaftliche Anerkennung (vgl. Becker-Schmidt u.a. 1984). Zum einen entsteht durch das eigene Einkommen eine größere ökonomische Unabhängigkeit vom (Ehe)partner und das Bewußtsein, die familiale Existenz und Lebensqualität mitzugarantieren. Zum anderen bietet ihnen die durch die Erwerbsarbeit erfahrene gesellschaftliche Anerkennung die Möglichkeit der "Selbstbestätigung durch Selbstbewertung" (Becker-Schmidt 1981).

Die Voraussetzungen für den Wandel des weiblichen Lebenszusammenhanges sind auf mehrere Bestimmungsgründe zurückzuführen:

Eine entscheidende Bedeutung kommt der mit der Bildungsexpansion in den 60er Jahren einsetzenden verbesserten Schul- und Berufsausbildung und der damit einhergehenden Öffnung von Arbeitsplätzen, die früher für Frauen mehr oder weniger verschlossen waren, zu. Daneben traten Veränderungen im häuslich-familialen Bereich wie etwa die Verlagerung von Haushaltstätigkeiten auf die Marktproduktion oder die Mechanisierung der Hausarbeit, die eine deutliche zeitliche und auch körperliche Arbeitsentlastung für die Frauen bedeuteten. Weiterhin ermöglichte nicht zuletzt die Abnahme der Kinderzahl, die Verlagerung von Erziehungsaufgaben an Kindergarten und Schule und die veränderte Auffassung von der Rolle der Frau eine Neuorientierung auf außerfamiliale, d.h. berufliche Bereiche hin.

Trotz der angeführten positiven Aspekte für die persönliche Entwicklung und einer verbesserten gesellschaftlichen Stellung arbeitender Frauen entscheiden sich viele Frauen dennoch mit großer Ambivalenz und Kritik an der Arbeitswelt für eine Berufstätigkeit. Die meisten finden, daß die Arbeitswelt zu wenig Rücksicht auf die Situation von Müttern nimmt. Der Beruf frißt zuviel Zeit und Energie, bietet vor allem ungenügende Möglichkeiten, Krisen und Sondersituationen zu bewältigen: Krankheit des Kindes, Schulferien, Kindergeburtstage und dergleichen werden zum schuldbeladenen Hürdenlauf. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, daß nur eine Minderheit von ca. 20% der Mütter eine Vollzeitarbeit wünscht. Viel eher ist Teilzeitarbeit die Lösung, die Mütter bevorzugen.

Dieser Wunsch ist jedoch aufgrund struktureller Vorgaben des Arbeitsmarktes häufig schwierig zu realisieren. Das Normarbeitsverhältnis besteht immer noch in einer Ganztagsbeschäftigung, die (zumindest in mittleren und gehobenen Positionen) auch die flexible Gestaltung und Ausdehnung der Arbeitszeit in Form von Überstunden oder Arbeit in den Abendstunden bzw. am Wochenende erwartet. Die Logik des Arbeitsmarktes beinhaltet Mobilität, Flexibilität und Disponibilität, die zumeist mit den Bedürfnissen der Familienarbeit kollidieren. Für berufstätige Ehefrauen und Mütter bedeutet dies häufige Konflikte zwischen ihrer Rolle als Arbeitnehmerin und ihrer Rolle als Ehefrau/Lebenspartnerin und Mutter.

Viel zu häufig wird dabei die Tatsache aus dem Blickfeld verloren, daß dieser Konflikt nicht individuell, sondern strukturell bedingt ist.

Betritt nun eine Frau die so definierte Arbeitswelt, fehlt ihr nahezu immer eine Person, die ihr durch Übernahme der Familienpflichten den Rücken freihält, um sich uneingeschränkt im Arbeitsleben bewegen zu können. Im Gegenteil: Zu den Anforderungen der Familienarbeit kommen weitere Anforderungen der Berufsarbeit hinzu. Für die Frau bedeutet dies einen klassischen Drahtseilakt, ein ständiges Arrangement mit zwei sich gegenseitig eigentlich ausschließenden Rollen.

Als Lösung dieses Konfliktes bieten sich drei Möglichkeiten an:

  1. Schaffung einer ausreichenden Zahl von Teilzeitarbeitsplätzen und damit Anpassung der Arbeitszeiten an familiale Bedürfnisse
  2. Ausdehnung der Familienpflichten der Männer
  3. Ausbau des außerfamilialen Betreuungssektors für Kinder
Die Schaffung eines flächen- und berufsumspannenden Angebotes an Teilzeitarbeitsverhältnissen stellt eine entscheidende Voraussetzung zur tatsächlichen Integration von Frauen in das Erwerbsleben dar. Hierbei ist insbesondere eine institutionell und rechtlich abgesicherte Basis von Teilzeittätigkeiten wichtig, die diese aus dem bisherigen häufig ungesicherten Randbereich des Erwerbslebens herauslöst und zu einer echten Alternative zur Vollerwerbstätigkeit macht. Die bisher von Arbeitgeberseite als "Arbeit nach Maß" propagierten Kompromisse zwischen weiblicher Familien- und Berufsrolle beinhalten für die Betroffenen meist besondere Belastungen (z.B. Arbeit in Stoßzeiten) und Risiken (z.B. Wegfall der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, verminderter Kündigungs- und Mutterschutz, Verringerung der Altersrente). Solange solche "familiengerechten" Arbeitsverhältnisse ausschließlich oder überwiegend Frauen angeboten werden, wird eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf lediglich auf Kosten der weiblichen Berufsrolle ermöglicht.

Eng damit in Zusammenhang steht die verstärkte Einbindung der Männer in die Familienarbeit, welche durch die erwähnte Aufwertung und Ausweitung von Teilzeittätigkeiten ebenfalls gefördert würde. Denn die Aufhebung der Doppelbelastung für die Frauen wird nicht zuletzt durch eine gleichberechtigte Aufteilung der Familienarbeit unter den (Ehe)partnern gewährleistet. Nicht nur eine verstärkte Ausrichtung der Frau auf die Berufsarbeit, sondern eine gleichzeitige Zunahme des Interesses (und des tatsächlichen Engagements) des Mannes an Familienpflichten ist für eine gleichberechtigte Gestaltung des Familien- und Berufslebens vonnöten. Als Idealfall kann man die "symmetrische Familie" mit einer nicht nur sekundären Berufsrolle der Frau und einer gleichberechtigten Familienrolle des Mannes ansehen.

Die dritte wichtige Variable der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt der qualitative und quantitative Ausbau des Angebots an Kinderbetreuungseinrichtungen dar. Hierbei ist die Erweiterung der Betreuungmöglichkeiten bereits für Kleinkinder unter drei Jahren in Kindergrippen und/oder altersgemischten Kindergartengruppen genauso zu beachten wie auch die Einführung flexibler und großzügiger Öffnungszeiten, die ein Betreuungsangebot über die Mittagszeit einschließt. Dieses sollte auch in der Schulzeit fortgesetzt werden, was durch das Angebot von Ganztagesschulen (wie sie im übrigen in vielen europäischen Nachbarländern die Regel sind) erreicht würde.

Durch diesen Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen soll einerseits der unproblematischere Ablauf des "Drei-Phasen-Modells" (bei dem bei der Geburt des Kindes die Erwerbsphase zeitweise durch eine reine Familienphase unterbrochen wird) gewährleistet werden. Dieser ermöglicht Frauen, nach der Familienphase wieder in den Beruf einzusteigen, und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kinder noch relativ klein sind, so daß durch eine vergleichsweise kurzzeitige Arbeitsunterbrechung die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt leichter erfolgt.

Auf der anderen Seite soll ein gut ausgebautes Kinderbetreuungsangebot Müttern (und Vätern) mit starker Berufsorientierung auch ermöglichen, ein zeitliches Nebeneinander von Familien- und Erwerbsphase zu realisieren, ohne sich einem eventuellen Qualifikationsverlust und Karriereknick durch eine Arbeitsunterbrechung auszusetzen.


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